• Interface- und Interaktionskonzept: Eingabe

    Eine zentrale Frage bei der Interaktion mit dem Multitouch Lab Journal beschäftigt sich damit, wie Inhalte eingegeben (d.h. geschrieben oder generiert) werden können. Das Hard- und Softwarekonzept des MLJ sieht zu diesem Zweck einen speziellen Infrarot-LED-Stift vor, mit dem direkt auf die berührungsempfindliche Oberfläche geschrieben werden kann. Der folgende Artikel beschreibt, wie genau das funktioniert und wie das System den Nutzer bei der Eingabe intelligent unterstützt.

    Eingabe

    Das MLJ bietet zwar eine virtuelle Tastatur, ist aber für die Bedienung mit Stift und Hand optimiert. Das System unterstützt dabei den Aspekt, dass beim Schreiben meistens zwei Hände genutzt werden. Die bevorzugte Hand schreibt, die Andere verschiebt das Blatt. Bei der Eingabe mit dem Stift gilt deshalb der Grundsatz, dass mit dem Stift geschrieben und mit der Hand manipuliert wird, wie es auch Hinkley et al. vorschlagen (vgl. Stift- und Handbedienung von Multitouch-Systemen). Auf dem leeren Blatt werden Linien angezeigt. Sie regeln das Schriftbild und helfen dem Nutzer gerade zu schreiben. Weil ein IR-Stift unpräziser ist als sein analoges Gegenstück, haben die Linien einen Abstand von 8 mm. Bei Bedarf kann der Nutzer auch die Größe des Dokumentenfächers anpassen, wobei die Linien proportional mitskaliert werden. Gleiches gilt für das karierte Muster, welches, je nach Eingabemodus, vom System angezeigt wird.

    Schreib- und Zeichenmodi

    Zum Erstellen und Editieren von Dokumenten lassen sich grundsätzlich zwei Möglichkeiten unterscheiden. In der realen Welt werden leere Blätter von Hand beschrieben. Jede Berührung des Stiftes auf dem Blatt hat dabei eine unmittelbare Auswirkung. Ein Dokument in dieser Weise zu erstellen ist einfach und direkt, macht das spätere Bearbeiten aber schwierig. In der digitalen Welt dagegen werden Dokumente am Computer angelegt und Texte mit der Tastatur eingegeben. Die Dokumente bestehen in der Regel aus verschiedenen Elementen, die leicht editiert werden können, z.B. um Schreibfehler zu korrigieren oder ein ansprechendes Layout zu gestalten. Die Eingabeart im MLJ kombiniert die Vorteile dieser beiden Möglichkeiten. Sie unterstützt die direkte Eingabe mit einem Stift und bietet dem Nutzer gleichzeitig Hilfestellung beim Eingeben und Editieren. Zu diesem Zweck gibt es im MLJ drei verschiedene Eingabe-Modi:

    • Schreiben,
    • Zeichnen,
    • Freihand.

    Der Schreibmodus ist standardmäßig aktiviert. Er dient zum Eingeben von Text, Zahlen und chemischen Summenformeln (z.B. H2SO4). Das System arbeitet mit einer leistungsfähigen Handschrifterkennung und wandelt die handgeschriebenen Texte des Nutzers in Computerschrift um. Darüberhinaus verfügt das System über eine intelligente Autovervollständigung. Basierend auf den ersten Buchstaben eines Wortes macht das System Vorschläge zu dem, was der Nutzer vermutlich schreiben will. Dieses Prinzip wird unter anderem auch bei der Eingabe von SMS auf Mobiltelefonen und bei Suchmaschinen im Internet verwendet. Ein Kontextmenü über dem geschriebenen Wort zeigt dem Nutzer die Vorschläge des Systems an. Durch einen einfachen Tip kann er diese bestätigen. Ignoriert er die Vorschläge und schreibt weiter, blendet sich die Kontextbox selbsständig wieder aus.
    Darüber hinaus kann das MLJ-System auch die Bedeutung von Abkürzungen und Symbolen lernen. Dafür muss der Nutzer in den Einstellungen einmalig die Abkürzungen oder Symbole sowie die dazugehörigen Bedeutungen eingeben. Ein kreisrunder Pfeil könnte z.B. für die Tätigkeit „Zentrifugieren“ stehen. Wie in der oben beschriebenen Autovervollständigung, macht das System einen Vorschlag und wandelt die Abkürzung oder das Symbol in das entsprechend ausgeschriebene Wort um. So wird unterstützt, dass der Nutzer eigene Abkürzungen verwenden kann, wie er dies häufig auch im handschriftlichen Laborbuch tut (vgl. Artifact Model).

    Das MLJ im Zeichenmodus und eingeklappter Seitenleiste

    Das MLJ im Zeichenmodus und eingeklappter Seitenleiste

    Sobald das System erkennt, dass der Nutzer keinen Text eingibt sondern z.B. eine Zeichnung oder Tabelle anfertigen will, wechselt es automatisch in den Zeichenmodus. In diesem Modus wir das erwähnte karierte Muster auf dem Blatt angezeigt und die Handschrifterkennung ist ausgeschaltet (vgl. Abbildung oben). Wenn der Nutzer nun eine Linie auf das Blatt zeichnet, wird diese automatisch begradigt. Gleiches gilt für geometrische Formen, wie z.B. Kreise oder Vielecke. Der Zeichenmodus enthält zwei weitere Modi zum Zeichnen von Tabellen und chemischen Strukturformeln. Das MLJ erkennt dabei bestimmte Muster, z.B. Linien, die sich überkreuzen und eine Tabelle bilden, und bietet hier ebenfalls eine Art Autovervollständigung an. Bei einer Tabelle werden beispielsweise die fehlenden Zellen und Spalten ergänzt. Für alle Vervollständigungsvorschläge des Systems gilt, dass der Nutzer sie bestätigen oder einfach ignorieren kann.

    Der Freihandmodus erlaubt es dem Nutzer, freie Eingaben zu tätigen. Weder Autovervollständigung noch Handschrifterkennung sind aktiv. Außerdem lässt sich deckend über alle Elemente (Text, Tabellen, Zeichnungen etc.) schreiben. Der Freihandmodus lässt sich mit einer transparenten Fläche vergleichen, die über allem liegt und frei beschriftet werden kann. So lassen sich z.B. Anmerkungen machen oder Abbildungen beschriften. Alle Eingaben, die im Freihandmodus getätigt wurden, werden im Versuchsdokument im Präsentationmodus nicht angezeigt. So eignet sich der Freihandmodus auch für schnelle Anmerkungen oder Kritzeleien.

    Für alle Eingaben gilt, dass sie nur innerhalb der nächsten 60 Sekunden bearbeitet werden können. Diese Einschränkung basiert auf den Richtlinien für Laborbücher, die vorschreiben, dass dokumentenechte Stifte verwendet werden sollen und Einträge nicht gelöscht werden dürfen (vgl. Das Laborbuch). Bisher ist es technisch nicht möglich alle Eingaben des Nutzers vollständig richtig zu interpretieren. Deshalb hat der Nutzer 60 Sekunden Zeit um gegebenenfalls die falsche Interpretation des Systems zu korrigieren. Dabei werden die Schreiblinien unter dem geschriebenen Text zunehmend transparenter, bis sie, nach der erwähnten Zeit, nicht mehr zu sehen sind. So weiß der Nutzer, welche Elemente er noch editieren kann und welche nicht. Außerdem kann er alle Elemente durchstreichen, die nicht mehr direkt editierbar sind. Alles, was durchgestrichen ist, bleibt zwar im Dokumentenfächer erhalten, wird aber im Versuchsdokument im Präsentationsmodus nicht angezeigt. Das Durchstreichen von Elementen entspricht ebenfalls den Richtlinien zum Führen eines Laborbuches.

    Werkzeugmenü

    Werkzeugmenü

    Werkzeugmenü

    Das Werkzeugmenü bietet die nötigen Schaltflächen und Werkzeuge, um die Eingabemodi sowie die Formatierung der Eingabe zu kontrollieren (vgl. Abbildung oben). Im oberen Teil des Menüs befinden sich drei Schaltflächen mit den Aufschriften „Schreiben“, „Zeichnen“ und „Freihand“. Ein Tip auf eine dieser Schaltflächen versetzt das System in den dazugehörigen Modus. Zwar erkennt das System die Eingabe automatisch und wechselt selbständig zwischen den Modi, der Nutzer kann dies aber auch manuell einstellen und das System gegebenenfalls korrigieren. Der untere Teil des Menüs enthält die Bedienelemente, die für die Formatierung nötig sind. So kann der Nutzer zwischen drei verschiedenen Werkzeugen wählen. Mit dem Messer können Abbildungen etc. zurecht geschnitten werden. Der Stift ist das standardmäßig eingestellte Werkzeug zum Schreiben und Zeichnen. Ein Marker dient zum Markieren von wichtigen Textstellen oder Ähnlichem. Er hinterlässt eine breite halbtransparente Fläche in der gewählten Farbe. Weiter ist es möglich, Farbe, Strichstärke und Strichart zu wählen. Sobald der Nutzer die Reihe mit den gewünschen Formateinstellungen berührt, erscheint eine Art Band. Dieses Band enthält die verschiedenen Einstellmöglichkeiten z.B. verschiedene Linienstärken (vgl. Abbildung oben). Wenn der Nutzer seinen Finger bei anhaltender Berührung nach links oder rechts bewegt, so bewegt sich das Band parallel zur Bewegung des Nutzers auf der x-Achse. Diejenige Option, die auf der blau hervorgehobenen Fläche in der Mitte des Menüs liegt, ist ausgewählt. Sobald der Nutzer seinen Finger wieder hebt, blendet sich das Band aus. Das Menü selbst kann beliebig auf dem Bildschirm verschoben und skaliert werden. Außerdem ist es möglich, den unteren Teil abzutrennen und als separates Menü zu verwenden. Die Gesten für beide Aktionen sind die gleichen wie beim Dokumentenfächer.

    Schlagwörter: , , , , ,

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.


Trackbacks/Pingbacks

  1. Schrift & Farben im MLJ | Multitouch Lab Journal

Sag und deine Meinung!